FES-Veranstaltung in Bad Bibra

Gibt es eine Zukunft auf dem Land?

Über dieses Thema diskutierten am gestrigen Abend in Bad Bibra der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich, der Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, Prof. Dr. Berthold Vogel und der Ökonom Prof. Dr. Weimann mit mehr als 60 Interessierten.

Die Anfang des Jahres veröffentlichte IWH-Studie unter der Leitung Prof. Gropps hatte im ganzen Land für Wirbel und Aufruhr gesorgt, vor allem in den östlichen Bundesländern. War doch der Grundtenor der Studie, Investitionen in den ländlichen Raum bringen die Regionen nicht voran. Im Gegenteil die großen Städte wie Leipzig oder Halle müssten gestärkt werden.

Der Weißenfelser Landtagsabgeordnete Rüdiger Erben wollte das nicht so stehen lassen. Er organisierte deshalb mit dem Landesbüro Sachsen-Anhalt der Friedrich-Ebert-Stiftung die gestrige Veranstaltung.

Sowohl Prof. Vogel als auch Landrat Ulrich widersprachen den Schlussfolgerungen der IWH-Studie. Sachlich so Prof. Vogel ist die Analyse der Studie richtig. Der Osten hat in den letzten 30 Jahren ¼ seiner Bevölkerung verloren, es gab massive Einsparungen in der öffentlichen Daseinsvorsorge und in der Infrastruktur. Das alles sind Gründe, weshalb die junge Generation vermehrt in die großen Städte oder in die westlichen Bundesländer zog und zieht und der Altersdurchschnitt der Dörfer stetig steigt. Wie dieser Trend aufgebrochen werden kann, dazu hatten alle drei Diskutanten verschiedene Ansätze.

Prof. Weimann schlug das Modell München vor, eine Stadt, die sich kontinuierlich ausbreitet. Wohnraum, öffentlicher Nahverkehr oder auch die öffentliche Versorgung wurden im Umland ausgebaut, um die Großstadt München zu entlasten. Auf diese Weise könnte auch der ländliche Raum um die ostdeutschen Großstädte profitieren und mehr Menschen zögen wieder ins Umland.

Landrat Ulrich machte dagegen einen viel weitreichenderen Vorschlag. Wieso erhalten die Städte mit mehr Bevölkerung mehr Geld als die ländlichen Räume mit weniger Menschen? Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein, denn die Kosten für die Erhaltung und Vorhaltung von Infrastruktur und öffentlicher Daseinsvorsorge (Abwasser, Krankenhäuser, Ärzte, ÖPNV usw.) sind auf dem Land um ein Vielfaches höher als in der Stadt. Hier muss ein Umdenken seitens der Politik erfolgen, forderte er! Nur wenn der ländliche Raum attraktiv ist, sind die Menschen bereit aus der Stadt zuziehen.

Prof. Vogel erklärte, aus seiner Sicht bringe es wenig zu versuchen, die Menschen, die einmal weggegangen sind, davon zu überzeugen wiederzukommen. Die meisten haben sich dort wo sie heute leben, ein soziales Umfeld aufgebaut, welches sie in ihrer alten Heimat nicht mehr
antreffen würden. Daher ist es viel wichtiger die Menschen zu unterstützen, die heute im länd-lichen Raum leben; Stichwort öffentliche Infrastruktur.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass nur wenige der Anwesenden den Zahlen der IWH-Studie Glauben schenkten. Denn die Feststellung, dass 30 Jahre nach der Wende die Produktivität in den ostdeutschen Bundesländern immer noch 20 Prozent geringer sein soll als im Westen (wohlgemerkt bei Kleinstbetrieben, Handwerkern etc.), war für viele nicht vorstellbar. Prof. Weimann war von dieser Analyse ebenso überrascht wie die Autoren der Studie. Eine Erklärung für diese Zahlen hatte er dennoch nicht. Für ihn ist jedoch klar, dass es Aufgabe der Wissenschaft ist, schnellstmöglich eine Antwort zu finden, wie diese Zahlen zustande gekommen sind.

Für viele der Teilnehmer ist offensichtlich, dass dem Osten Konzernzentralen, Bundesbehörden oder auch große wissenschaftliche Institute fehlen. Dies müsse endlich geändert werden, damit der Osten ökonomisch zum Westen aufschließen kann.

Eine Chance könnte der bevorstehende Strukturwandel in den Braunkohlerevieren sein. Hier, so machten der neue Arbeitsdirektor der MIBRAG Alexander Lengstorff und auch Landrat Ulrich deutlich, müssten die Regionen aufpassen, dass die versprochenen finanziellen Mittel auch in den Revieren ankommt.

Zum Abschluss stellte Rüdiger Erben fest, dass die Verantwortlichen vor Ort den ländlichen Raum niemals aufgeben werden. Ganz im Gegenteil es muss dafür gesorgt werden, dass ein Leben im ländlichen Raum lebenswert bleibt.

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